Schlagkraft beim Atemschutznotfall
Schlagkraft beim Atemschutznotfall Die Berliner Feuerwehr geht bei einem Atemschutznotfall neuerdings mit einem Vierer-Trupp zur Rettung der Betroffenen vor. Mit jeder Menge Spe- zialausrüstung. Timo Jann stellt das überzeugende Konzept vor. Mayday, Mayday, Mayday! Ein Angriffstrupp der Berliner Feuerwehr, der unter Atemschutz zur Brandbekämpfung in einem Einfamilienhaus eingesetzt ist, meldet einen Notfall. Ein Feuerwehrmann ist im ersten Obergeschoss des Hauses bewusstlos zusammengebrochen, sein Partner sendet über Funk den Hilferuf zum Einsatzleiter. Vor dem Objekt stehen in der Nähe des Eingangs für genau diese Lage sechs speziell ausgebil- dete Feuerwehrmänner bereit, um sofort die Rettung des verunglückten Kollegen starten zu können: die Mitglieder der Atemschutz-Notfall Trai- nierten Staffel (A.N.T.S.) aus Neukölln. Zusätzlich zum weit verbreiteten Zwei-Mann-Rettungstrupp setzt Deutschlands größte Feuerwehr auf einen Vier-Mann-Trupp mit Zusatzausbildung und Spezialgerät. Hinzu kommen Staffelführer und Maschinist die komplette Besatzung eines Lösch-Hil- feleistungs-Fahrzeugs (LHF) der Millionenmetropole. Unsere Erfahrung hat offenbart, dass wir mit einem Zwei-Mann-Trupp nicht wirklich effektiv helfen können, wenn es bei der Rettung auf jede Sekunde ankommt, erklärt Dirk Prell, der gemeinsam mit Andreas Esche für Ausbildung und Taktik innerhalb der A.N.T.S. zuständig ist. Nach dem Mayday-Ruf dauert es keine Minute und das A.N.T.S.-Team geht ins Ob- jekt. Jeder der sechs Feuerwehrmänner hat eine feste Aufgabe, die mit einer Nummer belegt ist. Jeder muss innerhalb der Staffel jede Funktion besetzen können. Erste Konzepte wiesen schwere Mängel auf Peer Kleist, Wolfgang Joost und Thomas Kirstein haben das Konzept der A.N.T.S. entwickelt. Wir hatten erkannt, dass unsere herkömmliche He- rangehensweise einfach nicht zielführend war, erinnert sich Kirstein. Zwar hatte die BF Berlin bereits 2004 erste Konzepte für Atemschutz- notfälle umgesetzt, doch Übungen offenbarten schwere Mängel. Kirstein: Bei einem Test unserer zehn Berufsfeuerwehrwachen aus dem Bereich der Direktion Süd zeigte sich, dass der klassische Zwei-Mann-Rettungs- trupp kaum in der Lage war, einen verunglückten Kollegen zu retten. Das war 2008. Kleist, Joost und Kirstein studierten daraufhin Einsatzberich- te schwerer Atemschutznotfälle wie etwa den des Kellerbrandes in der Göttinger Universität im Sommer 2006, bei dem ein Feuerwehrmann ums Leben kam. Hier hätte nicht viel gefehlt und zwei Rettungstrupps wären ebenfalls nicht mehr wieder herausgekommen, weiß Kirstein durch das Studium des Unfallberichts. Schnell war innerhalb der Direktion Süd der Berliner Feuerwehr klar, dass eine Wache nötig ist, die Ideen für ein neues Rettungskonzept beim Atemschutznotfall entwickeln sollte. Die Wahl fiel schließlich auf die Feuerwache 5100 (Neukölln). Mit 1500 Einsätzen pro Monat, darunter vielen Brandeinsätzen, sahen die Verantwortlichen die nötige Erfahrung in Neukölln als gegeben an. Die Stationierung zweier LHF in Neukölln bot außerdem die Chance, bei Bedarf ein Fahrzeug für A.N.T.S.-Einsätze im Direktionsbereich abziehen zu können und trotzdem noch ein LHF für Einsätze im Wachbereich zur Verfügung zu haben. Bei welchen Einsätzen die A.n.T.S. mitalarmiert wird Im Keller der Feuerwache an der Kirchhofstraße absolvierten die Trupps damals erste Übungen. Wir hatten es anfangs mit drei Mann versucht, aber das brachte gegenüber dem bekannten Zwei-Mann-Trupp kaum eine Verbesserung. So kamen wir zur Atemschutz-Notfall-Trainierten Staffel, die aus den vier Mann des Trupps, dem Maschinisten und dem Staffelführer besteht, berichtet Kirstein. 2009 wurde definiert, wie ein Probebetrieb für die A.N.T.S. laufen soll. Bei unübersichtlichen Objekten, bei Einsätzen in Tunnelanlagen, bei großen Eindringtiefen ins Objekt, bei Feuern ab fünf eingesetzten Staffeln und natürlich beim Stichwort Eigenrettung war der Einsatz der Neuköllner Staffel im Leitstellenrechner hinterlegt. Da sich das Verfahren bewährt hat, wird bis heute entsprechend alarmiert. Die A.N.T.S. bildet übrigens grundsätzlich einen eigenen Einsatzabschnitt mit eigener Wasserversorgung. Bei Bedarf wird dafür sogar ein Tanklösch- fahrzeug (TLF) nachalarmiert. d-Schläuche und Zwei-Flaschen-Geräte Was die Ausrüstung angeht, konnte die A.N.T.S. auf zwei neue LHF zurück- greifen. Der Dachkasten bot den erforderlichen Platz für die Zusatzgeräte. Darin sind auf beiden Fahrzeugen heute eine Tragetasche mit zwei jeweils 30 Meter langen D-Rollschläuchen verlastet, außerdem das Spineboard und das RIT-Bag. Die Mitarbeiter der Neuköllner Feuerwache sind alle so trainiert, dass sie die Sonderaufgabe übernehmen können. Das Spine- board ist bei uns dabei, weil man einen verunglückten Kameraden, der beispielsweise durch eine Geschossdecke gebrochen ist und die entspre- chenden Verletzungen hat, damit optimal transportieren kann, erklärt Andreas Esche. Die Schleifkorbtrage gilt zwar als ideales Rettungsmittel, sie fiel aber bei Übungen durch, weil sie zu sperrig ist, um auf Treppen oder in Türöffnungen zügig vorankommen zu können. Bei der Schlauchgröße fiel die Wahl auf den D-Schlauch, weil er handlicher ist. Esche: Er bietet nicht die Löschwassermenge für eine primäre Brand- bekämpfung. Aber er reicht aus, um unseren Rückzugsweg zu sichern. Die Brandbekämpfung ist beim A.N.T.S.-Einsatz Nebensache. Die Wärmebild- kamera für den Truppführer der A.N.T.S. ist heute obligatorisch. Verwendet wird eine Kamera von Bullard, weil die sehr handlich ist. Mittlerweile sind an den Feuerwachen 1300 (Prenzlauer Berg, Direktion Nord) und 2500 (Wedding, Direktion West) zwei weitere Atemschutz-Notfall-Trainierte Staffeln einsatzbereit. Auch bei diesen Feuerwachen stehen rund um die Uhr jeweils zwei LHF für Einsätze bereit. Esche: Kommt eine A.N.T.S. zum Einsatz, wird eine zweite Einheit in Bereitstellung hinzugerufen. Am Spineboard sind Bandschlin- gen befestigt. Die Nummer 1 im A.N.T.S.-Trupp ist mit einer Wärmebildkamera ausge- rüstet, der Kollege führt den Trupp im Innenangriff.